Wieso der Mammutmarsch?

Wie bin ich überhaupt auf die Idee gekommen, an einem solchen Event teilzunehmen? Eigentlich wollte ich 2018 unbedingt einen Marathon laufen. Um genau zu sein, den Köln-Marathon. Allerdings war relativ früh klar, dass ich an dem Marathon aufgrund eines beruflichen Termins nicht teilnehmen konnte.

Also eine Alternative, nur welche? Durch Zufall bin ich bei Facebook auf ein Event in Wuppertal aufmerksam geworden. Den Mammutmarsch NRW 2018. Das Motto „100 KM. 24 STUNDEN. ZU FUSS“. Als ich den Post gelesen habe, fing ich an zu überlegen „Kann man sowas wirklich schaffen? 100 km mit den eigenen Füßen am Stück laufen?“. Ich kam relativ schnell zu dem Entschluss, dass ich es ausprobieren möchte. Also habe ich meine Freundesliste nach potentiellen „Mittätern“ durchgeschaut, die ebenfalls verrückt genug sind, diese Challenge mitzumachen. Wie es der Zufall so will, hatte mein Kumpel Felix ebenfalls Lust auf ein solches Abenteuer und wir haben beschlossen, uns der Herausforderung zu stellen.

Es sollten verschieden Trainingsmärsche zur Vorbereitung absolviert werden
Ein Trainingsmarsch zur Vorbereitung

Die Vorbereitung

Nachdem die erste Euphorie verflogen war, mussten wir uns langsam mit der Vorbereitung auseinandersetzen. Einen detaillierten Ablauf des Trainings findet ihr hier. Nun nur eine kurze Zusammenfassung:

Als Vorbereitung auf den Marsch bin ich in 58:30 Stunden knapp 305 km gewandert und habe dabei 6.134 Höhenmeter bezwungen. Allerdings ist die Vorbereitung eine sehr individuelle Sache. Ich zum Beispiel habe direkt mit einer Distanz von 41 km begonnen und mein längster Marsch war 62 km. Andere fangen mit 10 oder 15 km an und haben dementsprechend einen längeren Trainingsplan vor sich, um eine Distanz von 60 oder 70 km zu erreichen. Ich habe auch Teilnehmer gesehen, die bereits in der Vorbereitung über 100 km am Stück gewandert sind.

Für die Vorbereitungsplanung ist außerdem wichtig zu berücksichtigen, dass man bei der Anmeldung für den Mammutmarsch bestätigen muss, mindestens eine Trainingswanderung mit einer Länge von 35 km absolviert zu haben. Ich persönlich würde aber eher eine Distanz von 50-60 km als Minimum planen.

Der Mammutmarsch

Am Start Mammutmarsch NRW 2018
Der Start des Mammutmarsches NRW 2018

Der Start und die ersten 18 km

Da der Marsch eine große „Runde“ ist, war der Start und das Ziel in Wuppertal an der sogenannten Nordbahntrasse. Eine stillgelegte Eisenbahnstrecke, die heute als Wander- und Fahrradweg genutzt wird. Im Vorfeld des Marsches wurde jedem Teilnehmer ein Barcode zugesendet. Mit diesem Barcode musste man sich am Start registrieren und konnte alle weiteren Zusatzleistungen, wie Verpflegungstransport für eigene Lebensmittel oder ein Mammutmarsch-T-Shirt, abholen. Ich persönlich habe nur den Verpflegungstransport genutzt.

Am 08.09.2018 um 15:00 Uhr ging die erste Startgruppe auf den Weg. Anschließend startete alle 15 Minuten eine weitere Startgruppe. Wir waren in Startgruppe drei, sodass für uns das Abenteuer um 15:30 Uhr begann. Bei optimalem Wanderwetter ging es los und die ersten Kilometer auf der Nordbahntrasse vergingen wie im Flug. Alle Teilnehmer/innen waren noch frohen Mutes, niemand hatte Schmerzen und dementsprechend war die Stimmung super. Ohne zu viel Spannung vorwegnehmen zu wollen… All dies würde sich noch im Laufe des Marsches ändern.

Verpflegungspunkt 1 des Mammutmarsches war nach 18 km Marsch erreicht
Der Verpflegungspunkt 1

So kam es, dass wir nach 18 km und etwas über drei Stunden an dem ersten Versorgungspunkt ankamen. Wie an jedem weiteren Versorgungspunkt auch, gab es hier kostenlos Wasser, Müsliriegel, Schoko- und Milchbrötchen sowie Bananen. Tee, Kaffee und warme Gerichte erhielt man gegen Bezahlung.

Für Felix und mich hieß es aber nur: kurz zur Toilette, Trinkblase auffüllen, Müsliriegel und eine Banane mitnehmen und dann sofort weiter. Die erste Pause war mit ca. 15 Minuten ausreichend lang, um wieder einigermaßen frisch auf die nächsten 20 km bis zum Verpflegungspunkt 2 gehen zu können.

Der zweite Abschnitt zum Verpflegungspunkt 2

20km Schild - Den Wanderer in seinem Lauf, hält nur ein leerer Akku auf...
Powerbank… ganz wichtig

Während des zweiten Abschnitts (18-38 km) wurden die Wege immer weniger befestigt und schmaler. Allerdings war es kaum ein Problem, denn durch den ersten Verpflegungspunkt und der zunehmenden Distanz wurde das Teilnehmerfeld immer weiter auseinandergezogen und somit konnte man die engen Passagen ganz einfach im Gänsemarsch hintereinander her bewältigen.

Zwischen Kilometer 27 und 33 wurde es dann allmählich dunkel und irgendwann musste die Stirnlampe zum Einsatz kommen. Mit Einbruch der Dunkelheit fing auch ein ganz neuer Abschnitt des Marsches an. Schließlich kommt irgendwann zwangsläufig die Müdigkeit, dadurch werden die Teilnehmer weniger kommunikativ, die Stimmung flacht ab und jeder beschäftigt sich mehr mit sich selbst.

Dennoch konnten Felix und ich auch diesen Abschnitt gut bewältigen und nach 6:45 Stunden erreichten wir den zweiten Verpflegungspunkt in Herdecke am Harkortsee. Die Pause dort war etwas länger, denn wir haben unsere Füße mit Hirschtalgcreme versorgt und uns etwas ausgeruht. Schließlich wussten wir, dass der nächste Abschnitt mit 24 km der längste des Marsches werden wird. Doch nach ca. 25 min Pause nahmen wir, nicht mehr ganz so frisch, aber immer noch einigermaßen motiviert, den dritten Abschnitt in Angriff.

Der längste Abschnitt des Marsches

Streckenverlauf und Höhenprofil des Marsches
Strecke und Höhenprofil des Marsches

Wer sich das Streckenprofil anschaut bemerkt, dass es während des dritten Abschnitts deutlich hügliger wurde und es mehrere steile Bergauf- und Bergab-Passagen gab. Zum einen die Höhenmeter und zum anderen die fortschreitende Tageszeit führten dazu, dass die Müdigkeit und auch die Schmerzen immer weiter zunahmen. Aber wir haben uns unbeirrt jeder Steigung gestellt und sind einfach immer weitergelaufen. Trotzdem wurde unsere Geschwindigkeit zunehmend langsamer. Waren die Kilometerzeiten zu Beginn noch sehr konstant bei ca. 10 min / km (6 km/h), wurde es nun mit durchschnittlich 11 min / km (ca. 5,5 km/h) etwas langsamer. Aber selbst mit dauerhaft 12 min / km (5km/h) würde man das Ziel ohne Pausen nach 20 Stunden erreichen und hätte somit noch 4 Stunden Puffer.

So kam es, wie es kommen musste… wir erreichten nach 11:50 Stunden auch den dritten Verpflegungspunkt bei Kilometer 62. Auch hier hieß es wieder: Vorräte auffüllen, Füße hochlegen und eincremen, etwas entspannen und dann weiter geht’s. Wir ihr seht, waren wir super in der Zeit. Hälfte der Zeit verstrichen und schon fast 2/3 der Strecke geschafft.

Ab zum letzten Verpflegungspunkt – Es wird wieder hell

Wasserfälle beim Tagesanbruch
Der Morgen kommt

Langsam aber sicher kam neben den körperlichen Schmerzen auch immer mehr das Thema Psyche hinzu. Schließlich war ich mit dem Erreichen des dritten Verpflegungspunktes schon an meiner Maximaldistanz aus dem Training angelangt. Ab jetzt wusste ich nicht mehr, ob und wie weit ich es noch schaffen würde.

Aber wie heißt es so schön: „vorwärts immer – rückwärts nimmer“, es musste einfach weitergehen. Nach dem Verlassen des dritten Verpflegungspunktes ging es entlang des Kemnader Sees. Schade nur, dass es noch dunkel war und man somit nicht wirklich viel von der schönen Landschaft sehen konnte.

Doch zwischen Kilometer 68 und 72 wurde es langsam wieder hell. Was ein bisschen Tageslicht für positive Auswirkungen auf das Gemüt haben kann, unglaublich! Leider mussten sich mein Kumpel Felix und ich nach 70 km trennen. Wir hatten zu unterschiedliche Kraftreserven und wollten jeder unser eigenes Tempo laufen. Also hieß es: 30 km alleine wandern.

Zunächst war es auch kein Problem, aber dann begann der Aufstieg zum letzten Verpflegungspunkt und was soll ich sagen… dieser Anstieg hatte es wirklich in sich. Aber wie immer, einen Fuß vor den anderen und weiter geht’s.

Bei Kilometer 81 war nach 16:45 Stunden endlich der letzte Verpflegungspunkt erreicht. Ein leckeres, geschmiertes Brötchen und einen warmen Tee später sah die ganze Welt zwar noch schlimm aber nicht mehr schrecklich aus. Alleine anhand der Dimensionierung des Verpflegungspunktes erkannte man, viele Teilnehmer haben bis hierhin bereits aufgegeben.

Meine Gedanken waren: „Eigentlich hat man schon so viel geschafft, wie schön wäre es jetzt unter die Dusche und dann ab ins Bett“. Also was macht man? Na klar, den letzten Abschnitt in Angriff nehmen.

Der Weg ist das ZIEL

Am vierten Verpflegungspunkt unterhielt ich mich mit einem der Veranstalter und fragte nach der restlichen Streckenbeschaffenheit. Die Antwort war „Es geht noch einen kleinen Hügel rauf und dann rollt man nur noch so ins Tal zurück“. Diese Aussage stellte sich zwar als Motivationshilfe, aber gleichzeitig auch als dreiste Lüge heraus. Doch wie stand es so schön auf der Kilometertafel 80 „Umkehren wäre jetzt irgendwie auch blöd“. Getreu dem Motto ging es immer weiter. Bis Kilometer 95 jagte ein Hammerberg den nächsten. Gepaart mit der Müdigkeit, den Schmerzen und keinen anderen Wanderern weit und breit war dies eine Mischung, die sehr aufs Gemüt schlug.

Schild 80km - Umkehren wäre jetzt irgendwie auch blöd...
Nach 80 km umdrehen wäre echt blöd

Die Gefühlsschwankungen zwischen „gleich ist es geschafft“ und „ich muss noch so unglaublich weit gehen“ wurden immer schlimmer und kamen auch häufiger. Ab einem gewissen Punkt arbeitet die Psyche nur noch gegen einen und dann hat man nicht nur seinen Körper, sondern auch sein Gemüt gegen sich. Ab dem Zeitpunkt kann man sich auf nichts anderes mehr konzentrieren, als nur noch einen Fuß vor den anderen zu setzen und einfach in Bewegung zu bleiben.

Und? Nach 100 Kilometern und einer Zeit von 20:42 Stunden war ich wieder da, wo ich angefangen habe. Nur diesmal war es das Ziel und nicht der Start. Die Belohnung? Ein Freibier und unendlich viele Glückshormone. Besonders toll fand ich, dass auch mein Kumpel Felix den Mammutmarsch bezwungen hat und das Ziel erreichte.

Die Schmerzen danach

Im Anschluss an den Mammutmarsch ist eine warme Dusche das größte Geschenk. Danach noch eine Kleinigkeit essen und ein paar Stunden Schlaf nachholen. An dem Tag der Zielankunft konnte ich gar nicht mehr laufen. Das normale Gehen tat sehr weh und Treppensteigen war nahezu unmöglich.

Aber… eine Nacht und ganz viel Schlaf später waren die Schmerzen größtenteils weg. Ich hatte keine nennenswerten Blasen, keinen Muskelkater und meine Gelenkschmerzen hielten sich auch in Grenzen.

Das „Experiment“ Mammutmarsch sollte eigentlich ein einmaliges bleiben, doch schon am Tag nach dem Marsch, mit all den Glückgefühlen, habe ich entschlossen, ich werde es wieder machen!

Fazit

Dieser Bericht zeigt hoffentlich sehr gut meine Erlebnisse während des Mammutmarsches 2018 in NRW. An dieser Stelle noch ein großes Lob und vielen Dank an die Organisatoren. Zu der Qualität des Rücktransports kann ich (glücklicherweise) nichts sagen, da ich es bis ins Ziel geschafft habe.

Und so bleibt nur zu sagen, es war mein erster Mammutmarsch und ich habe auf Anhieb die komplette Distanz geschafft. Es sollte ein einmaliges Erlebnis werden, wird es aber nicht. Ich werde wieder an einem 100 km Marsch teilen. Egal ob Mammutmarsch, Megamarsch oder einem anderen Extremmarsch.

Solltet ihr auch Interesse haben, bitte ich euch, kümmert euch um eure Ausstattung und euer Training. Ohne gutes Equipment werdet ihr nicht ankommen und schadet eurem Körper. Andererseits hilft euch das beste Equipment nicht, wenn ihr nicht oder unzureichend trainiert.

Außerdem solltet ihr nicht die Psyche unterschätzen. Ihr werdet an einen Punkt kommen, an dem ihr euch nur noch weinend in die Ecke schmeißen wollt. Doch all das ist nichts gegen den Stolz und die Glücksgefühle bei der Überquerung der Ziellinie!

Zum Abschluss möchte ich euch noch einen, aus meiner Sicht, sehr passenden Spruch von einer Teilnehmerin mitgeben. Dieser Spruch fasst die Strapazen, vor allem gegen Ende des Marsches, sehr gut zusammen: „Es gibt einen Zeitpunkt, an dem wird es nicht mehr schlimmer, ab da ist es einfach nur noch scheiße.